Irisches Tagebuch – Teil 1 – Der Landschaftstempel von Gleninchiquin

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Viele Jahre wollte ich schon nach Irland. Diese Pfingsten war es nun soweit. Mein Mann Peter, meine Tochter Dana und ich machten uns am Freitag vor Pfingsten mit unserem VW Campingbus auf die lange Reise durch Frankreich und über den Kanal. In Irland dann, wollten wir unsere Freunde Rupert und Franca, ihren Sohn Aaron, seine Freundin Julia und unsere Freunde Peter und Susanne treffen.

Uns interessieren weniger die üblichen Sehenswürdigkeiten und touristischen Attaktionen, vielmehr die vielen uralten Plätze, Steinkreise, Dolmen, Berge, Wälder und heiligen Quellen, die Energie und Qualität des Landes, seiner Menschen und unsichtbaren Wesenheiten.

Was wir gefunden und erlebt haben, daran möchte ich euch in dieser Artikelserie in Wort und Bild teilhaben lassen – es waren wirklich außergewöhnliche, besondere Erlebnisse an ganz besonderen Orten.

Sonntag, 24.5.15, 10:40

Auf der Fähre „Oscar Wilde“ unterwegs nach Irland. Bisher lief alles bestens. Ein superangenehmer Campingplatz ohne Mobilfunksmog mitten im Wald von Fontainebleau, der übrigens durchaus auch eine Reise wert ist. Überall liegen große Felsbrocken malerisch im Wald herum, blühende Rhododendronbüsche leuchten zwischen den Bäumen, es hat etwas Mystisches hier. Am Morgen Kaffee und Croissants bevor wir weiter die unendlichen Weiten Nordfrankreichs in Richtung Bretagne durchmessen – was will man mehr.

Um kurz nach drei sind wir dann bereits in Roscoff, wo unsere Fähre um 18:30 ablegen wird und so haben wir noch Zeit die Annehmlichkeiten der Bretagne zu genießen, bevor wir uns der kulinarische Wüste der britischen Inseln anheim geben. Eine nette kleine Creperie in Roscoff verwöhnt uns sogar mit Bio-Crepes und Galettes und einem letzten französischen Kaffee.

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Das Schiff ist riesig. 10 Stockwerke, drei davon für die Fahrzeuge. Ein gigantisches Maul verschluckt uns, sowie ganze Busse und LKWs. 1200 Menschen kann es aufnehmen, vielleicht 400 bis 500 Autos.

Ein seltsames Gefühl als wir ablegen und das Festland langsam hinter dem Horizont verschwindet. Ca. 16 Stunden werden wir nun nur noch Wasser sehen soweit das Auge reicht.

Die Windwesen begrüßen uns, filigrane Wolkengebilde schweben wie Engel am Himmel.

windwesen

Die Überfahrt ist ruhig . Seekrank wurden wir gottseidank nicht, aber die Bewegungen des Schiffs erzeugen ein seltsames Gefühl im Kopf, wie permanentes Aufzugfahren. Im Laufe der Zeit gewöhnt man sich daran und wir haben besser geschlafen als befürchtet. In 20 Minuten erreichen wir Rosslare. Bin sehr gespannt auf Irland!

Sonntag, 24.5.15, abends

Wir haben die ersten 300 Kilometer Linksverkehr lebend und ohne Blechschäden überstanden. Auch die engen und holprigen Regional- und Landsträßchen von Westcork, die manchmal eher Feldwegen ähneln und von hohen Hecken gesäumt sind, welche ein Ausweichen bei Gegenverkehr fast unmöglich machen. Wir haben auch bereits mit dem „Sodabrot“ Bekanntschaft gemacht – Brot mit Backpulver, das eher nach Kuchen schmeckt und hauptsächlich aus Luft zu bestehen scheint.

Am späten Nachmittag aber haben wir es nach 2 1/2 tägiger Fahrt endlich geschafft und unser Ziel, ein Cottage zwischen Glengariff und Bantry in Irlands Südwesten, erreicht. Unsere Freunde sind schon am Tag zuvor mit dem Flugzeug und Mietwagen angekommen und empfangen uns mit Tee, Scones, Jam und Clotted Cream – sehr lecker.

Glengariff, das wir am Abend noch erkunden besteht aus einem Hotel mit Restaurant, zwei Woolshops und mindestens fünf Pubs. Typisch Irland? – Die Menge der Pubs auf jeden Fall.

Karte Irland Südwesten

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Der Südwesten Irlands wird geprägt von tiefen Buchten und großen Halbinseln, die wie die fünf Finger einer Hand in den Atlantischen Ozean ragen: Mizen Head, Sheep´s Head, Beara, Iveragh und Dingle. Glengariff im Nordosten der Bantry Bay ist das Tor zur Beara-Halbinsel.

Obwohl ich noch nie zuvor in Irland war, sind mir viele der Ortsnamen wohlvertraut: Bantry, Tipperary, Galway, Skibbereen. Ich kenne sie aus irischen Liedern – ein witziges Gefühl. Vor vielen Jahren spielte ich in einer Band, die Irisch/keltische und mittelalterlicher Musik machte.

Andere kennt man als große amerikanische Städte. Ein Erbe der irischen Auswanderer. Baltimore zum Beispiel ist ein winziger Ort an der Südküste und Hollywood liegt nicht weit von Dublin am Rand der Wicklow Mountains.

An diesem Abend beraten wir uns noch, wo es morgen hingehen soll, denn wir haben keine Zeit zu verlieren. Zwei Wochen sind kurz, viel zu kurz, für all die interessanten Orte, die es hier zu entdecken und zu erspüren gibt. Zum Glück kennen sich unsere Freunde gut aus – sie sind schon seit vielen Jahren regelmäßig hier und so ist bald klar: wir fahren auf die Halbinsel Beara ins Tal von Gleninchiquin.

Montag, 25.5.15

Der Landschaftstempel von Gleninchiquin

Das Tal von Gleninchiquin liegt an der nördlichen Küste der Beara Halbinsel, nicht weit von Kenmare. Im Tal liegen 3 Seen: der Middle und Upper Lough Cloonee und der Lough Inchiquin. Es öffnet sich gegen Nordwesten zur Bucht von Kenmare. Am Talschluß stürzt ein großer Wasserfall über die typischen dunkelpurpurroten, manchmal scheinbar fast schwarzen Felsen des „Old Red Sandstone“ etwa 140 Meter in die Tiefe. Er wird von einem weiteren Bergsee gespeist.

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Ausblick von oberhalb des Wasserfalls auf die Seen bis zum Meer

Auf der Landbrücke zwischen dem Upper Lough Cloonee und dem Lough Inchiquin liegt der „Uragh“ genannte Steinkreis am Ufer des Lough Inchiquin. Etwas weiter oben am Berg, am Rand eines wilden, uralten Zauberwaldes, ein weiterer Steinkreis mit wunderschönem Blick über die Seen bis zum Meer.

Diese Landschaft mit ihren verschiedenen Plätzen bildet eine mystische Einheit, einen Landschaftstempel mit einer ganz besonderen Atmosphäre.

Bekannt im Tal ist vor allem der Uragh-Steinkreis, der malerisch auf einer Landbrücke zwischen zwei Seen liegt. Unsere Freunde und Führer kennen ihn schon, den Wasserfall am Ende des Tals aber noch nicht und so entschließen wir uns an diesem Tag zuerst den Wasserfall zu besuchen.

Auf dem Weg dorthin finden sich mehrere Hinweisschilder auf einen „Park“ und dass fotografieren ohne zu bezahlen verboten wäre. Ich wundere mich ein bisschen. Am Parkplatz erwartet uns eine kleine, ältere Dame, die uns sofort in Beschlag nimmt, die verschiedenen Wanderwege erklärt und uns unbedingt dazu animieren will eine 1 1/2 stündige Rundwanderung über das obere Ende des Wasserfalls zu machen. Wir wollten aber ja eigentlich zum Steinkreis und nur mal kurz über die parkähnlichen Schafweiden zum unteren Ende des Wasserfalls und wieder zurück. Wir beschließen trotzdem die recht hohe Eintrittsgebühr zu bezahlen. Damit ist sie dann auch erstmal zufrieden.

Als wir gerade losgehen wollen, taucht ein Mann im Jeep auf und schlägt uns vor, wenn wir wollten, nähme er uns die halbe Strecke mit nach oben, er hätte sein Fernglas dort am See vergessen. Von dort wäre es nur noch eine knappe Stunde den Rundweg zu machen.

Dann soll es wohl einfach so sein, denken wir, bezahlt haben wir ja schließlich nicht zu knapp. Wir zwängen uns zu sechst in den 4-Wheel-Drive und holpern auf steilen und steinigen Feldwegen, die in Deutschland wahrscheinlich niemand mehr befahren würde, bis zu einem weiteren Bergsee auf halber Höhe.

Von dort ist es noch ein kurzer Anstieg zum höchsten Punkt am Talschluss, oberhalb des Wasserfalls. Das Wetter ist genial, die Landschaft ist traumhaft, es hat sich wahrlich gelohnt. Wir werden mit einer grandiosen Aussicht über das ganze Tal mit seinen beiden Seen, dem Steinkreis, einen weiteren See, der den Wasserfall speist, die wenigen Gehöfte und Schafweiden, bis zum Meer, belohnt.

Beim Abstieg durchqueren wir auf schmalen Pfaden ein verzaubertes kleines Flusstal mit bemoosten Felsen und verwachsenen Bäumen. Es ist eine Zauberlandschaft, achtsam und liebevoll mitgestaltet von den Menschen, die hier leben.

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Auf dem weiteren Weg stärken wir uns im bezaubernden Secret Garden Tearoom, der von einem älteren Ehepaar betrieben wird. Wie die meisten Iren sind sie unglaublich freundlich und hilfsbereit. Es gibt Tee, selbstgemachten Apple Pie mit Sahne, Scones mit Marmelade und Clotted Cream oder Chocolate Brownies.

Ein perfekter Tag, vollkommene Harmonie auf allen Ebenen, wir sind wahrlich im Paradies!

Zuguterletzt besuchen wir dann noch das untere Ende des Wasserfalls und jeder sucht sich sein Plätzchen. Auf einem großen Felsbrocken komme ich zur Ruhe und wie von selbst in einen meditativen Zustand.

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Alles hat sich an diesem Tag gefügt wie es sein sollte. Wir waren einfach im Fluss, haben uns führen lassen und sind reich beschenkt worden – etwas, das uns, meinem Mann und mir, mit unseren Freunden Franca und Rupert immer wieder gut gelingt.

Während ich so auf meinem Felsen liege, wird mir bewusst, dass es den Weg als Vorbereitung gebraucht hat um hier wirklich anzukommen und den Zugang zu den tieferen Ebenen des Ortes und des Landes zu finden.

Schon als wir am Vormittag ankamen sah ich, dass die verschiedenen Plätze im Tal, der Wasserfall, die Steinkreise, Seen und der Wald, Teile eines mythischen Raumes sind und miteinander in Beziehung stehen. Jetzt und hier, fühle ich es mit meinem ganzen Wesen. Dieser Landschaftsraum ist ein Naturtempel, Ausdruck des urweiblich Göttlichen, der Urmutter, aus der alles entsteht und in deren Schoß das Leben am Ende wieder zurückkehrt. Der Ort des Wasserfalls symbolisiert ihren gebärenden Schoß aus dem das lebensspendende Wasser fließt. Am „Uragh“ genannten Steinkreis, auf der Landbrücke zwischen den beiden Seen, ist der perfekte Platz das Mysterium der unendlich widerkehrenden Zyklen von Geburt, Leben und Tod zu ehren und zu feiern.

Für mich öffnet sich nun hier auch die Tür zu den energetischen Qualitäten des Landes Éire, den Naturwesen, Geistern und Göttern, Göttinnen und Helden. Nun fühle ich, dass ich wirklich angekommen bin. Es ist eine Initiation. Irland zeigt sich mir als das Land der Göttin und sie wird mich die ganze Zeit hier begleiten. Das Urweibliche erschein mir in seiner jugendlichen Gestalt und schließt mich in seine Arme. Hell, leuchtend, leicht, sanft und schön. Alles öffnet sich in mir und beginnt zu fließen.

Ähnliches habe ich auch schon auf anderen Reisen erlebt. In der Bretagne, in Südengland und Cornwall. Wenn man den „richtigen“ Eingang findet, beginnen tiefere Ebenen der Erfahrung des Landes sich zu öffnen, die einem sonst verschlossen bleiben.

Das Tal von Gleninchiquin ist scheinbar einer der Eingänge und zumindest für mich hier und heute der richtige!

Wenn man dem Internet glauben darf, scheinen andere Reisende hier allerdings auch andere Erfahrungen gemacht zu haben. Die Besitzer des Parks scheinen wahrhafte „Hüter der Schwelle“ zu sein. Viele Kommentare im Netz warnen vor diesen unfreundlichen, aufdringlichen und geldgierigen Menschen. Viele fanden sich mit Beschimpfungen und absurden Forderungen konfrontiert. Wenn ich es mir im Nachhinein überlege, kann ich mich auch erinnern, dass ich mit etwas wunderte über die seltsamen Schilder bezüglich des Fotografierens und die merkwürdige kleine alte Dame, die so erpicht darauf war uns ihre Wanderung zu „verkaufen“. Aber irgendwie ging das komplett an uns vorbei, fand keine Resonanz in uns. Wir passierten die Schwelle ohne Schaden – und fanden uns im Paradies wieder. Fast wie in einem echten Märchen ;-).

Apropos Märchen. Machen wir doch in diesem Zusammenhang noch einen kleinen Ausflug in die Mythologie Irlands.

Die Cailleach Beara – Hüterin der Halbinsel Beara

Die Cailleach  [ˈkalʲəx] ist eine mythologisches Wesen der keltischen Völker.Übersetzt bedeutet Cailleach „alte Frau“. Cailleach leitet sich ab vom Alt-irischen „caille“ = „veil“ = Schleier. Sie ist die verschleierte Alte. Der Schleier steht für die dünne Trennschicht zwischen der physischen Welt und der Anderswelt. Cailleach kann den Schleier lüften und die Verbindung schaffen. Der Schleier in der germanischen Welt war oft auch ein Attribut der Seherinnen.

Cailleach ist die Beschützerin und Hüterin von Seen, Flüssen und Gewässern, von Inseln, Bergen und Höhlen. In Schottland lief die Cailleach, als Mutter aller Götter über das Land und ließ überall Felsen fallen, warf Inseln auf, formte Hügel oder modellierte mit dem Hammer Schluchten und Täler. Man kennt sie dort auch als Sturmhexe, die über die elementaren Kräfte des Wetters herrscht. Viele Gesteinsformationen sind nach der Cailleach benannt und oft ranken sich Sagen um diese Formationen, dass die Göttin an dieser Stelle im Felsen wohnt oder sich in den Felsen verwandelte. Einen solchen Stein gibt es auch auf Beara.

Einige Legenden zeigen noch sehr deutlich Cailleachs Rolle als Landesgöttin. Vor allem in Irland gibt es Geschichten, in denen junge Helden von einer hässlichen, runzligen Alten aufgefordert werden, mit ihr zu schlafen oder sie zu küssen. Überwinden die jungen Männer ihre Abscheu, verwandelt sich die Alte in eine schöne junge Frau und übergibt ihnen die Herrschaft über das Land. Die Ahnen der (Ur-)Einwohner der Grafschaft Kerry sollen laut der Sage ihre vielen Nachkommen sein. Lugh, der sagenhafte göttliche Held der keltischen Mythologie, war ihr erster Liebhaber.(Quelle und mehr Infos: http://www.schlangengesang.com/archiv/51.pdf)

Nach diesem Tag ist klar: Wir kommen wieder. Zwei Steinkreise und ein Zauberwald warten noch auf uns…

Coming soon: Teil 2 – Die Steinkreise und der Zauberwald

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